Über die Bücherverbrennung (Rede von Reinhard Leicht)

(Aktualisiert am 3. März 2016 von Reinhard Leicht)

Enthüllung der Informationstafel zur Bücherverbrennung in Hannover am 10. Mai 1933

Geibelbastion, 10.Mai 2014

Vorwort:

Mein Name ist Reinhard Leicht. Ich vertrete die „Bürgerinitiative Mahnmal Bücherverbrennung“.

Als Absolventen des Kulturführerscheins I 2011 sind wir durch eine Projektarbeit („Erinnerungskultur am Maschsee“) auf das verschwundene Bismarckdenkmal gestossen, an dem die hannoversche Bücherverbrennung stattgefunden hat. Hannover war eine der letzten Städte im Norden Deutschlands, die noch keinen Erinnerungsort an die Bücherverbrennung im Mai 1933 hatte. In Niedersachsen gab es bereits solche in Braunschweig und Göttingen.

Deshalb hatten wir es uns zur Aufgabe gemacht, darauf hin zu wirken, nahe am authentischen Ort, hier an der Geibelbastion am Maschsee, ein würdiges Gedenken zu ermöglichen.

Heute wurde hier, nach vielen Aktivitäten und Aktionen unsererseits, der seit 2013 liegenden Erinnerungstafel diese erläuternde Informationstafel hinzugefügt.

Sie soll über den historischen Hintergrund, die Örtlichkeit und das Geschehen in Hannover 1933 informieren.

Herr Kreter, vom „Projekt Erinnerungskultur“ der Stadt Hannover, hat uns gebeten, heute einen kurzen Beitrag zu leisten.

Ich möchte das mit meinem Vortrag gerne tun.

Er fußt im Wesentlichen auf den Arbeiten der hannoverschen Autoren Anke Dietzler, Carola Schelle-Wolf und Felix Schürmann.

Eine Kleine Schrift zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 in Hannover haben Karljosef Kreter u. Julia Berlit-Jackstien (Städtische Erinnerungskultur Hannover) bereits 2013 herausgegeben und sie kann hier erhalten werden.

Rede:

„Der deutsche Student kämpft gegen Schmutz und Schund“

Dieser Spruch befand sich auf dem Lastwagen, mit dem Bücher am Abend des 10. Mai 1933 in Hannover zum Scheiterhaufen am Bismarckdenkmal in den Maschwiesen gebracht wurden.

Nicht nur in Hannover, sondern in über 60 Hochschulstädten Deutschlands brannten 1933 die Scheiterhaufen. Es war der Abschluss der „Aktion wider den undeutschen Geist“. Sie wurde organisiert von der Leitung der „Deutsche Studentenschaft“ (DSt) in Berlin. Deren Führer Gerhard Krüger (24 J.) und Hans Karl Leistritz (24 J.), Leiter des „Hauptamtes für Presse und Propaganda“ der DSt, entwarfen am 2. April 1933, einen Tag nach dem Boykott jüdischer Geschäfte, einen detaillierten Ablaufplan.

In Hannover traf die Vorbereitungen ein „Kampfausschuß der Deutschen Studentenschaft Hannover zur Bekämpfung von Schund und Schmutz“. Den Vorsitz führte der Student der Tiermedizin Wulf Hansen (22 J.), Führer der Studentenschaft der Tierärztlichen Hochschule (TiHo), unterstützt von dem Privatdozenten Dr. Hellmut Doenecke (32 J.) als Vertreter des „Kampfbundes für deutsche Kultur“ (TiHo). Der Kunsthistoriker und Schriftsteller Prof. Victor Curt Habicht (50), Dozent der Technischen Hochschule Hannover (TH) und NSDAP-Mitglied ab 1.Mai, war der dritte im Bunde.

Die meisten Studenten der beiden hannoverschen Hochschulen gehörten damals Verbindungen an. Republikfeindlichkeit, völkisches und reaktionäres Denken, sowie Rassismus und Antisemitismus waren darin weit verbreitet. Unter den Professoren herrschte eine konservative, deutschnational Grundhaltung, die Weimarer Republik wurde überwiegend abgelehnt.

Bereits am 7. April 1933 wurde das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ erlassen. Per Rundschreiben vom 19. April forderte die DSt die Einzelstudentenschaften dazu auf, jüdische, kommunistisch orientierte oder den Nationalsozialismus beschimpfende Hochschullehrer zu melden und ihre Vorlesungen wirksam zu boykottieren. Durch einen Amnestieerlass des kommissarischen preußischen Kultusministers Bernhard Rust (Studienrat aus Hannover am Ratsgymnasium, Gauleiter und NSDAP-Mitglied seit 1922) bekam die Studentenschaft faktisch freie Hand für Denunziation und Terror an den Hochschulen.

Ab Anfang Mai versandte die DSt aus Berlin eine erste „Schwarze Liste“ des Bibliothekars Wolfgang Herrmann mit Büchern von Autoren, die aus Leihbüchereien, Buchhandlungen und Bibliotheken ausgesondert werden sollten. Später folgten weitere Listen. Sie betrafen Bücher und Schriften liberaler, jüdischer, marxistischer und pazifistischer Autoren und Autorinnen. Selbst der eigene private Buchbestand sollte „gesäubert“ werden.

Der Kampfausschuß in Hannover leitete die „Aktion wider den undeutschen Geist“. Er organisierte die Einsammlung der Bücher kurz nach Semesterbeginn vom 2. – 9. Mai 1933 und die Verteilung der von der Deutschen Studentenschaft erhaltenen „12 Thesen wider den undeutschen Geist” in Form von Flugblättern und Plakaten in der Stadt. Nach dem Willen der DSt in Berlin sollte die gesamte Aktion auch mit der Vertreibung missliebiger Professoren von den Hochschulen einhergehen – wie bereits 1925, als ein in Hannover gegründeter »Kampfausschuß gegen Lessing« forderte, den »mit deutschfeindlichen Zeitungen schachernden Juden« Theodor Lessing als »Schmutzfleck im Lehrkörper« der Technischen Hochschule zu entlassen. Und darum ging es auch wieder im Mai 1933. Lessing wurde schließlich im August 1933 gegen ein Kopfgeld der SA in Marienbad ermordet.

Bereits im April 1933 hieß es in einem Rundschreiben der DSt aus Berlin: “Der Staat ist erobert. Die Hochschule noch nicht! Die geistige SA rückt ein.”

So durchsuchten auch in Hannover „Stoßtrupps” private und öffentliche Buchbestände nach missliebigen Büchern und brachten ihre Beute zu Sammelstellen (Technische und Tierärztliche Hochschule, sowie Goethe- und Realgymnasium, Leibnizschule, Humboldtschule und Werkkunstschule).

Wie so ein „Stoßtrupp“ vorging, wird durch einen Beschwerdebrief der hannoverschen Geschäfts- stelle des Reichsverbandes Deutscher Leihbüchereien vom 6. Mai 1933 deutlich. Der Geschäftsführer teilte mit, dass der Kampf gegen undeutsche Literatur in den Büchereien seit Monaten aufgenommen sei und viele Bücher seien bereits entfernt worden. Er verwahrte sich daher dagegen, dass bei hannoverschen Büchereien „ .. . 5—6 Herren zu gleicher Zeit in den Hauptgeschäftsstunden den Laden betreten und eigenmächtig eine Kontrolle des Büchereibestandes vornehmen, ohne Rücksichtnahme auf die im Laden anwesenden Kunden.”

Der „Hannoversche Kurier“ veröffentlichte am 9. Mai, einen Tag vor der Bücherverbrennung, folgenden Aufruf unter der Überschrift

„Bücher auf dem Scheiterhaufen:

„Die öffentliche Verbrennung des gesammelten Schund- und Schmutzmaterials findet am 10. Mai um 21 Uhr an der Bismarcksäule statt. Die studentischen Bünde marschieren gemeinsam von der Herrenhäuser Allee ab durch die Königsworther Straße, Goethestraße, Georgstraße, Hildesheimer Straße zur Bismarcksäule. Wir bitten die gesamte Oeffentlichkeit, an unserer Kundgebung teilzunehmen. Wer seine Bibliothek noch nicht gesäubert hat, hat Gelegenheit, das Material am 10. Mai während des Umzuges abzugeben in einem mitgeführten Kraftwagen …“

Schauplatz für die Verbrennung war das in der Leinemasch gelegene Bismarckdenkmal, an dem die hannoversche Studentenschaft seit 1904 traditionell den Reichskanzler Bismarck feierten.

Am Abend des 10. Mai ging der Zug mit dem Wagen der eingesammelten Bücher von der Herrenhäuser Allee vor der Technischen Hochschule (heute Leibniz Universität) durch die Stadt. Mit Hakenkreuzfahnen, Fackeln, Korporationsfahnen, zum Teil in vollem Wichs oder in SA-Uniformen zog man zum Bismarckdenkmal, begleitet von einer SA-Kapelle sowie vom Akademischen Reit-Club zu Pferde.

Die Versammelten reihten sich im Viereck um den Scheiterhaufen auf, und während Dr. Doenecke (TiHo) und Prof. Habicht (TH) „deutschen Geist und deutsches Wesen“ beschworen, wurden die Bücher ins Feuer geworfen. Als Vertreter der Studenten beider Hochschulen warf Wulf Hansen die Bücher von Karl Marx, Thomas Mann, Emil Ludwig, Erich Maria Remarque und Kurt Tucholsky persönlich in die Flammen und gab die Erklärung ab, dass „undeutsche“ Professoren seitens der Studenten nicht geduldet würden.

Als Leiter des „Kampfausschußes“ berichtete Wulf Hansen am 22. Mai 1933 stolz der DSt nach Berlin:

„ … Die ganze Aktion ist in Hannover in vorbildlicher Disciplin durchgeführt worden. Am 10. Mai wurde an der Bismarcksäule das gesammelte Material unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung verbrannt. Der Verbrennung ging ein Fackelzug voraus, an dem sich neben den Korporationen verschiedene Jugendbünde, SA Stürme und Schulen, die in die ganze Aktion mit einge­spannt waren, beteiligten. Die beigefügten Zeitungsauschnitte mögen ein Bild davon geben, welchen Erfolg wir mit unserer Aktion in Hannover gehabt haben.“

Das Bismarckdenkmal wurde schließlich während des Maschsee-Baues im Mai 1935, nach einer Ortsbegehung mit Oberbürgermeister Menge, entfernt. Die hannoversche Studentenschaft forderte letztmals 1941 einen Wiederaufbau. Nichts Materielles blieb vom Denkmal erhalten.

Die Bücherverbrennungen 1933 waren ein massiver Schlag gegen die künstlerische und geistige Freiheit in Deutschland und sichtbarer Anfang der systematischen Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung all derer, die nicht zur sogenannten Volksgemeinschaft gehören sollten oder wollten.

Die Bücherverbrennungen waren somit eine Vorstufe dessen was folgte.

Bereits 1820 ließ Heinrich Heine seinen Hassan in der Tragödie “Almansor” (1821) sagen:

“Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.”

Diese Worte sollten sich auf schlimmste Weise bewahrheiten. Sie befinden sich auch auf der Erinnerungstafel auf der Geibelbastion.

Sie bleiben eine immerwährende Mahnung!

Danke.

Zusammenstellung: “Bürgerinitiative Mahnmal Bücherverbrennung“, „Projekt Erinnerungskultur am Maschsee“ und zugleich Organisatoren der Unterschriftensammlung für eine Gedenktafel zur Bücherverbrennung in Hannover am 10. Mai 1933 an der Geibelbastion.

Benutzte Quellen:

Akademie der Künste, Katalog zur Ausstellung Berlin 1983: „Das war ein Vorspiel nur … Bücherverbrennung Deutschland 1933, Voraussetzungen und Folgen

AStA Leibniz Universität Hannover 2009, Mitarbeit Felix Schürmann: “Eliten und Untertanen

Dietzler, Anke: „Die Bücherverbrennung in Hannover am 10. Mai 1933“ in: Hannoversche Geschichtsblätter, Neue Folge Band 37, 1983, S. 100 – 121

Dietzler, Anke: „Hannover, 10. Mai 1933 an der Bismarcksäule in den Maschwiesen“ in: „Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Julius H. Schoeps. Werner Treß (Hrsg.).
Hildesheim 2008, S. 458-476

Drewitz, Jan: „Der 10. Mai 1933 – Wie vor 77 Jahren deutsche Studierende fast im Alleingang die Bücherverbrennungen organisierten“, ASTA Leibniz Universität 2010

Pohlmann, Tobias 2013, Quelle: Perspektive Bibliothek: „Erfüllungsgehilfen? Die Rolle der Bibliotheken im Rahmen der Bücherverbrennung 1933

Schelle-Wolff, Carola 1983 ,1988: „Stichtag der Barbarei. Anmerkungen zur Bücherverbrennung 1933“, C. Schelle. N. Schiffhauer (Hrsg.). Hannover: Postskriptum Verlag, 1983 (Kulturinformation Nr. 4, hrsg. vom Kulturamt der Landeshauptstadt Hannover)

Schimanski, Michael: „Die Tierärztliche Hochschule Hannover im Nationalsozialismus“, Dissertation Hannover 1997

Schröder, Annette: „Vom Nationalismus zum Nationalsozialismus, Die Studenten der Technischen Hochschule Hannover von 1925 bis 1938“, Hahnsche Buchhandlung 2003

Treß, Werner: „Phasen und Akteure der Bücherverbrennung in Deutschland 1933“ in: Julius H. Schoeps. Werner Treß (Hrsg.): “Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933“, Olms Verlag Hildesheim 2008, S. 9-27

Schoeps, Julius H., Treß, Werner(Hrsg.): „Verfemt und Verboten. Vorgeschichte und Folgen der Bücherverbrennungen 1933“, Olms Verlag Hildesheim 2010

Historisches Museum,Hannover: „Nationalsozialistische Diktatur“, Dauerausstellung zur Stadtgeschichte 2013

Wikipedia: Bücherverbrennung 1933 in Deutschland (Stand 30.Apr 2015), Bücherverbrennung in Hannover (Stand 18.Jan 2015)

Bismarckdenkmal Hannover: Geschichte und Abbildungen, in: http://www.bismarcktuerme.de

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